HERZ

Katharina Orlowska

Max raucht mal eine. Wir sprechen über den Titel des Buches – und mir wird schnell klar, dass das Thema dieses Druckwerks noch mehr Tiefe haben wird als die vorigen. Es soll keine Ansammlung retrospektiver Geschichten und Erlebnisse, kein aufgestautes Sammelsurium von Vergangenem werden. Es wird ein Buch, das Max pur präsentiert – so habe ich das Gefühl. Ich für meinen Teil präsentiere ihn. Hier. So pur es geht, die Filter setzt jeder selbst.

Ich leugne nicht, dass ich zuerst die Bilder kennen und lieben gelernt habe. Die Farbe der Haut bei Vollmond habe ich Doris, der Exfrau von Max’ Bruder Ferdinand, tatsächlich entwendet – anfangs irgendwie unabsichtlich, dann gewollt. Max selbst habe ich vor vielen vielen Jahren (15 oder 16 plus minus drei) bei einem großen Gartenfest kennengelernt und in einer Bar in Bad Mitterndorf öfter mal gesehen, aber er konnte sich nicht an mich erinnern. Seine Kunst hat mich von Anfang an angesprochen, ach was, angeschrien wohl eher. Ich fühlte mich damals schon direkt gemeint, benetzt mit dem Drang jedes Bild bis ins Kleinste zu ertasten und zu erforschen. Im schrillen Wahnsinn meiner Pubertät fühlte ich mich durch die Bilder verstanden, die mir provokativ schienen, kompromisslos. Es ist immer noch ein wunderbares Gefühl, wenn ich mir dieses Buch ansehe, und dabei lasse ich mir Zeit. Der Typ weiß was er will, dachte ich mir damals.

Die Malerei von Max ist aufbrausend, ist leidenschaftlich, kolossal, einnehmend, betörend, berauschend, durchleuchtend. Es erfordert allerdings einen anderen Ausgangspunkt, seine Werke zu beschreiben – eine Perspektive, die mir nicht steht. Als Psychologin versuche ich einen etwas anderen, menschlich-sozialen Zugang zu der Person Max Böhme zu ergründen, die das „absolute Glück“ im Flow ihrer künstlerischen Aktivitäten sucht und findet … dem Tun in der Trance. Bewusstseinserweiternd arbeiten, Unbewusstes bewusst machen, sich damit auseinandersetzen, in dem man sich auseinandernimmt und wieder zusammensetzt. Wo sollen die Grenzen sein?

Vielleicht gelingt es mir, nicht nur das zu nehmen, was Max selbst präsentiert, sondern auch ein bisschen in die Erlebnisweisen und Wahrnehmungen des ernsthaften Malers vorzudringen, die in seiner Präsenz untergehen. Warum ich dieses Interview mit ihm führe, frage ich ihn. „Weil Du dieses Bild von mir unbedingt wolltest.“ Ja, das stimmt (und ich will noch eins). Unsere Wege haben sich in einer unüblichen Weise gekreuzt und wir tanzen schon über einen längeren Zeitraum nebeneinander und sehen uns an, auch in uns hinein. Eine Herausforderung in der Ausübung meiner Profession, einen Menschen für die Öffentlichkeit zu beschreiben – denn normalerweise ist strikte Geheimhaltung selbstverständlich und Pflicht in meinem Job. Ein gewagtes Projekt, das mir einiges abverlangt. Going against the grain.

Das erste Skype-Treffen verläuft gut, etwas chaotisch. Ich will viel wissen, aber eigentlich nicht fragen. Wo wir beginnen, weiß ich nicht mehr. Ich höre zu und notiere.

Wir sprechen über Liebe, und dass diese niemals Forderung sein kann – ganz im Gegensatz zu Max’ Bildern, die einen (heraus)fordern, sobald man den Raum betritt. Das erwähnte Bild aus der Asiferotik-Reihe hängt in meiner Praxis und es flasht mich jedes Mal aufs Neue. Und das ist auch der bescheidene Anspruch des Künstlers. „Meine Bilder sollen jeden Tag neu sein“, meint er. Nicht vergessen werden. Inspirieren. Begeistern. Auch nach seinem Tod will er Spuren hinterlassen. Angst ist ein Thema, ist es immer wieder. Max fürchte nicht das Sterben, aber das Nicht-Existieren selbst, sowie den Gedanken, jemandem Schmerz oder Leid zugefügt zu haben. Buddhistische und Tantra-Einflüsse säumen und unterstützen seine Tendenz weniger Angst zu haben. Mutig sei er auch, meint Max. Das könne er aber nur deshalb, weil er so ein „naiv blödsinniger Optimist“ sei. Sich selbst kann er keine Diagnose stellen, verlangt im Interview aber fast danach, dass ich es tue. Immer wieder fällt das Wort „hochsensibel“ und „Angeber“. Max scheint nach Demaskierung zu streben, nach der Nacktheit seiner Existenz, einem Enttarnt-Werden, dem heiligen Wunsch sich jemandem voll und ganz anzuvertrauen, als schwaches, frierendes Geschöpf in die Arme genommen und gehalten zu werden. Eine Diagnose sei jedes seiner Bilder, meint Max. Diagnosen, die nicht auf einer verbalen Ebene funktionieren. Jemanden zu beeindrucken sei ihm unwichtig. Er möchte „Der“ sein, nicht irgendeiner. Aufmerksamkeit, Spotlight, Staunen. Eine Diagnose gibt es auch von mir nicht. Ich nenne das Mensch-Sein.
 
Das Schlimmste, sagt Max, sei es, „wenn man ein bisschen malt. So beim Vorbeigehen.“ Und so scheint er auch sein Leben zu gestalten. Nicht nur halbherzig, sondern innig, mit viel Liebe, Hingabe und verdammt universellem Verständnis. Ich sage: „Man hört Dir gern zu.“ Max lächelt und gibt zu, gern anzugeben. Warum auch nicht. Eine Freundin hätte ihm mal im Urlaub den Mund verboten. Wie kann man das verstehen? Max redet gern und viel, nennt sich selbst auch mal einen „Dampfplauderer“. Trotzdem hab ich nie das Gefühl, dass er nicht auch zuhören kann.

Unser zweites Interview fließt schöner, ich bin besser vorbereitet, weiß was ich fragen möchte und auch so halb wie. Im Gespräch raucht er viel, ich trinke Wein und beklage mich über den Geschmack von Linsenchips mit Rosmarin. Die Bibel habe Max schon zwei Mal gelesen, er sehe im Alten Testament einen wahrlich guten Plot. Von den Aposteln scheint besonders Johannes sehr sympathisch gewesen zu sein, „ein wirklich netter, weicher Kerl“, meint Max. Überhaupt interessiere ihn Religiosität sehr, die Geschichte der Religionen der Menschheit, Spiritualität im Allgemeinen und im Besonderen. Das
Tibetanische Totenbuch stehe auch im Bücherregal.  

Max sieht Religion als Reflektion der Entwicklung der Menschen, eine Spiegelung des Lebens. Es ist doch das Science-Fiction-Werk der Menscheit  philosophisch untermalt, denke ich mir, sag ich aber nicht. Tatsächlich sei es Max schon mal passiert, dass er jemanden verflucht hat. Er habe aber keine Angst, dass etwas Unkontrollierbares geschieht, denn „der Fluch funktioniert nur, wenn er Recht hat.“ Zu seiner Entschuldigung: Ich finde, dass er ihn wirklich sehr konkret formuliert hat.
 
Schwierig ist es, in vorliegendem Text nicht zu bewerten, wenn man jemanden bewundert, von jemandem beeindruckt ist – und ich komme nicht umhin, dies zu tun. Bewunderung ist ja auch spirituell, so sagen zumindest die Yogis. Max‘ Reisen, seine Teilnahme an und die Leitung von unterschiedlichen Workshops und Meditationen lehren ihn, zwingen ihn wieder und wieder in sich reinzuschauen, seine Bilder und seine Ansichten zu optimieren, Farben anders zu sehen. Er nutzt seine luziden Träume, um immer besser und besser zu werden, Flüge durch die gesamte Reichweite seiner Emotionalität und seiner Ratio zu unternehmen. Anerkennung und Wertschätzung tragen ihn hoch, die Reziprozität von Beobachter und Bild lässt ihn gleiten – auch in der Realität, oder in der Realität besonders?

Zwischen den einladenden Farbtupfern seiner Psyche versuche ich herumzuspringen, mir auszumalen, was da noch Großartiges kommen mag, wenn es eh schon so großartig ist. Während des Gesprächs hänge ich an seinen Lippen und denk mir: Es ist so verflucht schön, wie Du Dein Leben lebst! Abseits von Bewertungen, Beurteilungen und ohne Arroganz dem Guten und dem Schlechten die Daseinsberechtigung zu geben – das lebst Du. In der Liebe und im Arbeiten. Spürbar. Max schafft es, sein Gegenüber zu  umspielen, mit seiner völlig harmonischen Energie, die da ist, obwohl es Wunden gibt, die noch nicht geheilt sind. Da wär zum Beispiel sein Herz. Das Herzstück, welches ihn als Junge nicht schlafen ließ, Panikattacken verursachte und Alpträume in sein Gehirn pflanzte. Max’ kindlicher Körper wurde in Schafwolle gesteckt, um die Kälte auszuhalten. Der Geburtsfehler machte sein Herz verwundbar, aber stark.

Die Mutter, herrisch, gebieterisch, voller Liebe und dann wieder voller Ignoranz, nicht konsistent in ihrem mütterlichen Geben, schürten Unsicherheiten und das Gefühl des Nicht-Gehört-Werdens und auch des Nicht-Geliebt-Werdens. Ein Raum, ein Rückzugsort, ein Tempel musste her, mit ständig verfügbaren Materialien und genügend Platz, den das Kind Max in seinem Kinderzimmer nicht hatte, weil es dieses mit den Brüdern geteilt hat. Damals in Linz, im „Open House“ für zahlreiche und namhafte Gäste, im „Geisterhaus“ von Max’ Kindheit. Dafür wurde aber Party gemacht. Und zwar so richtig. Auch die Eltern seien kreativ gewesen, sagt Max, aber zum Künstler sei er selbst geworden.

Der Vater, dessen Familie über Generationen hinweg Kaufleute waren, hätte Max gerne im Business gesehen. Als Max Kunst studierte, meinte Eike: „Hauptsache Du bist der Beste in dem was du machst.“ Dieser Satz war Anerkennung, Erlaubnis und Aufgabe zugleich, so scheint es mir. Und auch Druck. Eike verstand aber: der Kunst des ältesten Sohnes lag kein intellektuelles Konzept zugrunde, keine Kalkulation, keine merkantile Strategie. Er sah, Max tat es aus dem Herzen heraus, aus Überzeugung. Überhaupt sei der Vater immer weicher geworden, je älter er wurde. Jahre habe es gedauert, bis ihm Max Umarmung beigebracht hatte und Jahre, bis seine bedingungslose Vaterliebe für die Söhne wirklich spürbar gewesen sei; Stolz auf jeden einzelnen seiner Söhne, früher überdeckt durch Diskussionen und Hinterfragen. Seinen Mut, seine Courage Dinge auszuprobieren und auch mal zu pokern, habe Max von seinem Vater gelernt. Und mit dem Tod von Eike den wichtigsten Gesprächspartner verloren, den er hatte. Ich fühle die Achtung für den verstorbenen Vater, während wir sprechen. Verständnis. Der Vater habe die Familie zusammengehalten. Das merke Max, jetzt, wo diese nicht mehr so „funktioniere“ wie vorher. Über Zeichnung und Fotografie hat sich das Malen bei Max Böhme entwickelt, er begann seinen Weg sehr früh schon als „Wahrnehmungsuntersucher“, wie er sich selbst bezeichnet. Es entstand eine unstillbare Sehnsucht, durch die Malerei das Sehen zu lernen, eine unstillbare Neugier zu sehen, wie die Bilder gesehen werden. Schon in der Schule hat Max gewusst, wie er seine Fähigkeiten einsetzen kann, um an das zu kommen was er wollte: Für eine Jause tauschte er gezeichnete Akte von Mädchen ein. Lehrer empfahlen eine Hochbegabtenschule, aber zwischen fast nur männlichen Autisten habe der Künstler sich nicht so wohl gefühlt. Der zuständige Psychologe erklärte den Eltern, dem Sohn fehle nichts, sie sollten doch nur darauf achten, dass dieser Zugang zu künstlerischem Material habe. Eine Schutzzone brauche er nicht. Zurück zu den „Normalen“. Die Instabilität der Bindungsbeziehung zur Mutter weiter – und auch das rituelle, regelmäßige Abtauchen in den eigens geschaffenen Rückzugsort im Linzer Familienhaus. „Me, myself and I“, nur er selbst und eine ganz individuelle Raumschaffung, wo er damals noch narrative Bilder zauberte. Die Affinität zu einem Sicheren Ort ist spürbar am Mayerhof in Niederösterreich. Dieser sei Ruhe, sei Kreativität. Ein Ruhe- Raum der Psyche sei für Max der Moment nach dem Aufwachen, während der Verstand noch nicht funktioniere aber das Auge bereits sehe. Gleich darauf kämen die Gedanken „Was hab ich geträumt?“ und „Wie geht es meinen Liebsten?“ Atmen. Beobachten. Es ist eigentlich kaum möglich, nicht zu arbeiten, wenn man Max ist.

Der Vater war früher kaum da, und wenn, dann sehr präsent. Wochen und Monate in fremden Ländern auf Reisen. Tränen kommen hoch, Max denkt an seinen Vater. Ein Autounfall riss ihn aus dem Leben, spektakulär und unerwartet. Nicht nur die Erinnerungen an eine abenteuerliche Zweitagesfahrt von Andalusien nach Basel, um die Ausstellung von Francis Bacon zu sehen, machten Eike Böhme zu einem heroischen Vater für Max. Es war ein Ringen, ein Drängen, ein Zurückhalten und Gehen lassen. Als ältester Sohn trug auch Max väterliche Erwartungen mit, die ihm selbst zu kapitalistisch waren, zu wenig leidenschaftlich, unangenehm waren. Bis der Vater verstand und in die Beobachtung und Akzeptanz ging. In den 1980ern in der Wiener Kunstszene als Star gefeiert, fühlte Max sich exponiert, aber bewertet, auch als Mensch. Nun sei er geerdet, mache nur was ihn interessiere. Der Existenzdruck weiche dem Spiel. Ich persönlich glaube, er würde fast alles machen, weil ihn der Mensch an sich interessiert. Der Mensch und was dann passiert. Der Wunsch von Eike Böhme Architekt werden zu wollen, sei Max durch zeichnerische Darstellungen in einem vom Vater ausgeborgten Reiseführer erst so richtig bewusst geworden. Dessen Vater wiederum war aber nicht nur dagegen, sondern warf seinen Sohn auch aus dem Haus, kappte soziale Beziehungen, auf die er Einfluss hatte. Schwanger mit Max waren Heidi und Eike darauf angewiesen, Geld zu beschaffen. Die Mutter bastelte Trockenblumensträuße, Halbedelsteinketten, nähte Hippiedirndln und Patchworkdecken und verkaufte sie. Einige Jahre lang habe sie sogar mehr verdient als ihr Mann. Unüblich so unabhängig zu sein als Frau! Stolz war sie darauf. Und diesen Willen zu überleben, die Kraft unentwegt etwas zu tun zieht sich wie ein roter Faden durch die Familie – bis hin zu den Töchtern der Böhme-Brüder.

Aus seiner Herzensstärke generiert der Künstler seine Hingabe zur Kunst, zum Menschen, zum Leben. Erotik und Ekel, Geburt und Tod, Lust und Angst – die Dimensionen in denen Max sich bewegt sind schier unergründlich in einem einzigen Leben und doch scheint er diese schon durchatmet zu haben, ist nicht durchspaziert, hat nicht beim Vorbeigehen daran geschnuppert. Schuld, Scham und Verantwortungsgefühl nehmen sich heraus noch immer Platz in seiner Seele einzunehmen. Doch die Gefühle werden mit den Jahren umtanzt, nicht bekämpft. Einige Wunden sind verheilt. Max fällt es schwer zu verstehen, wenn ihn jemand nicht mag. Er versteht es, aber versteht es eigentlich nicht wirklich. Ich kann mir vorstellen, dass Max in seiner Art polarisiert, manchmal aneckt, vielleicht verletzt, manchmal beeindruckt, auch erstaunt. Mann und Frau können auch an ihm nicht „vorbeigehen“, ohne dass er Eindruck hinterlässt. Er gibt dem Kontaktraum eine Färbung.

Den letzten Weinkrampf hatte Max am Strand von Tel Aviv. Sich selbst überlassen, verlassen. Ich feiere sehr, dass er seine Anima lebt, dem Verletzt-Sein innerhalb sich selbst
Bewegungsfreiheit einräumt. Von der Mutter zur wertschätzenden Art gegenüber Frauen erzogen, möchte Max auch seine weiblich anmutende Fürsorge und Schuld leben, den Durchbruch dieses beschissenen männlichen Stereotyps. Meiner Meinung nach macht ihn das zu einem der größten Männer, die ich kenne. Der magischste Moment in seinem Leben sei die Geburt von Emily gewesen. Dieses Chaos, welches entstanden ist, schon während der Geburtsvorbereitung. Ein Blutsturz im 7. Schwangerschaftsmonat habe Dorothee und Max aus der Bahn geworfen, es sei dann - zeitgerecht - eine schwierige Geburt gewesen. Max habe nicht gewusst, ob er dem Arzt danken oder ihn umbringen sollte. Im Raum waren Geburt und Tod gleichzeitig, Angst und Freude spürbar. Das Adrenalin am Max-i-mum. Viele Jahre mit Krisen, Affären und Verliebtheiten, Verletzungen, Humor und Geschichten kamen danach. Dann die Trennung.Emotional erschöpfend, möchte man meinen.

Als Sohn wohlhabender Eltern, aufgewachsen im Bildungsbürgertum, hat er trotzdem erfahren wie es ist, nichts zu haben und für jeden Hunderter hart zu arbeiten. Die Jungfamilie (mit Dorothee und Emily) überstand einige Winter ohne richtige Heizung und er renovierte über die Jahre den jetzt heimelig-leuchtenden Mayerhof. Er weiß es mehr zu schätzen, wenn jemand diesen als Sicheren Ort erkennt, als dass er monetär entlohnt wird. Schlechter Geschäftsmann. Toller Mensch.

Von seinem Hof aus geht er in seiner Kunst in die Tiefen des
Erleidens. Die Bilder sollen vibrieren, sie sollen in Wellen kommen und gehen, keine Conclusio haben. „Logisch gedacht“ geht in der Interpretation der einnehmenden Werke nicht. Mit rationalem Denken kommt man nicht weit – das muss ich als Psychologin auch so unterschreiben, denn in den meisten Fällen ist das Bauchgefühl das was zählt; der Zustand in den man versetzt wird – und schlussendlich auch das, was man damit macht. Max’ Bilder sind nicht zu verorten, sie sind aus und in unterschiedlichen Zuständen gemalt, an die sich der Künstler nach seinem Prozess auch häufig nicht mehr konkret erinnern kann. Deshalb hat jeder Beobachter eines Bildes Recht mit seiner Interpretation. Max merkt, ob jemand glaubt, er meine seine Arbeiten nicht ernst. Es ist Max wichtig zu kommunizieren, dass er mit den Bildern lebt, schwitzt, das Risiko des Scheiterns eingeht. Der Verdacht der Strategie ist Hohn, beleidigend, verletzend, sei einfach nicht wahr. Immer und immer wieder macht er mir die Ernsthaftigkeit seines Tuns bewusst. Das Malen sei kein Job. Es sei Abenteuer – und nur der Ansatz einer Vermutung, dass strategisches Denken hinter seiner Arbeit steckt, scheint ihn innerlich fast wahnsinnig zu machen. Pläne für bestimmte Bilder-Themen habe Max nicht mehr, er befasse sich mit philosophischen Grundideen, die ihn freier sein lassen, als eine abzuarbeitende To-Do-Liste. Aus Projekten entstehen Qualitäten und auf der Leinwand erfassbare Dimensionen. Der Künstler erscheint mir oft wie ein verrückter Chemiker, der sich in das Periodensystem einfühlt, Stoffe und Aggregatzustände spürt, einnimmt, Reaktionen beobachtet, betastet, emotional auswertet, die Energien schwingen und den Raum erfahren lässt. Das Bild eines Magiers mit Zauberstab kommt mir in den Sinn. Weise, alte Seele.

Die Beziehung zu den Brüdern, immer wieder turbulent. Max übernehme die Diplomatenrolle zwischen ihnen, seit dem Tod von Eike sei besonders zwischen Schorsch und Ferdinand großer Stress entstanden. Der eine sei groß für Zwei, ein Zwilling eigentlich, der seinem Schicksal nicht entkomme, getrieben sei. Der andere habe durch eine Ohrenverwachsung die ersten Lebensjahre gelebt ohne Dinge erfragen zu können. Ein trauriger Mensch sei er geworden. Ein Nihilist. Dann der Jüngste, Jok, sei ein echter Held. Er sei der, der am meisten geschafft habe von allen Vieren.

Das Leid des Abgelöstwerdens, nicht Ersetztwerdens, aber doch zur Seite geschoben, von drei anderen Brüdern, die die Mutter – im Gegensatz zu Max – nie für sich alleine hatten. Das Los des Ungeliebten begleitet ihn bis heute wie ein fünfter Bruder der einfach nicht einschlafen will, durch die Nächte. Frauen waren gerade zu Anfang seines Lebens der Mittelpunkt von Max – nein, eigentlich anders herum: Er war im Mittelpunkt der Frauen in der Familie; er wurde getragen, gesäugt mit Nahrung und Liebe (und überhaupt – ist das dasselbe?), geknuddelt, umhergereicht. Beschützt, versorgt. In der Familie der Mutter war er der erste Sohn. Oh Mann. Der Vater habe ihn auf einige Berge mitgeschleppt (wortwörtlich, weil auf den Rücken geschnallt) und später auch gezwungen mitzugehen. Das Vertrauen wurde einige Male auf den Prüfstand gestellt. Max eignete sich eine Höhenangst an, damit er nicht mehr mitmusste. Wir reden übers Klettern und er findet spannend, dass Angst durchaus part of the game sein kann. Interessant für mich, dass dies eine neue Ansicht für meinen Gesprächspartner zu sein scheint.Die Frau an seiner Seite, wie sie sein soll, frage ich. Sie dürfe auf keinen Fall jemand sein, der beurteilt. Max habe sogar ein Tantra-Festival in Indien verlassen, weil zu viel Arroganz geherrscht habe. Er selbst habe nie gemeint er sei besser als jemand anders. Als Tantriker müsse man sich voll und ganz akzeptieren. Unser Selbst sei das Wichtigste – das Ego sei Nebeneffekt. Arbeiten solle man am Selbst, nicht am Ego, das habe der Künstler gelernt und versucht, sich dessen immer bewusst zu sein. Freunde würden sich Sorgen machen, dass er einsam sei. Sein Leben sei durchflutet von Liebe, verdeutlicht Max. Er wolle Nähe, keinen Kampf mehr, kein Erkämpfen. Einfach Fließen, und Hingeben. Und ich spüre Sehnsucht.

Emily, die jetzt 24-jährige Tochter, sieht den größten Unterschied zu ihrem Vater in der Herangehensweise: Sie meint „Plan“, er meint „geht schon, wird schon“. Das stellt beide auf die Probe und ist für beide gleichzeitig beides: Stärke und Schwäche. Max begegnet seiner Tochter bewundernd und auf Augenhöhe, schützend, tragend, liebevoll, als Freund und Vater gleichzeitig. Sie habe die Schamlosigkeit in der Kreativität durch ihn gelernt, den Elan des Tuns und die Freiheit des Seins. Sie wirken wie ein eingespieltes Team, jeder so viel Raum wie er braucht, kein Bewertungsmodus, kein autoritäres Herumgeschnipsel an der Persönlichkeit der Tochter, sondern Sicherheit und Interesse. Ermöglichen, Erleben, Erzeugen und Herstellen. Es gibt wahrlich Orte, die das Selbstsein weniger willkommen heißen als die Welt von Max Böhme.